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Nachhaltigkeit als Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg

Für unser aller Gemeinwohl

Durch Spenden finanzierte Hilfsorganisationen gehören derzeit noch zu einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Auch wenn die Spendensummen insgesamt im Jahresdurchschnitt in Deutschland gleichbleiben: Die Anzahl der Spenderinnen und Spender wird von Jahr zu Jahr geringer. Um die Finanzierung zivilgesellschaftlicher Projekte zu gewährleisten, empfiehlt unser langjähriges DFRV-Mitglied Thomas Schiffelmann eine engere Zusammenarbeit zwischen gemeinnützigen Organisationen und Unternehmen.

„Unser Planet verändert sich: Die Gesellschaft, in der wir leben, driftet auseinander. Vermögen konzentrieren sich auf immer weniger Menschen und in vielen Teilen der Welt nehmen Unruhen zu.“ So beschreibt Thomas Schiffelmann von Handicap International den Zustand der Welt. Der Veränderungsprozess schlägt sich auch im Spendenverhalten nieder. Immer weniger Menschen geben immer mehr höhere Beträge. Doch das finanzielle Fundament, auf dem die Arbeit gemeinnütziger Organisationen steht, wird dadurch immer instabiler. Zudem beobachtet Thomas Schiffelmann, dass „humanitäre, soziale und ökologische Belange in der heutigen Wirtschaftsordnung immer noch nicht ausreichend berücksichtigt werden.“ Für ihn braucht es eine von allen Beteiligten getragene Lösung, die die einzelnen Branchen miteinander wieder in Balance bringt.

Unternehmen in der Verantwortung

Nachhaltigkeit ist zu einem entscheidenden Faktor in Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft geworden. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen schaffen laut Thomas Schiffelmann einen Rahmen, an dem sich alle Akteure orientieren können. „Das schlägt sich bei Unternehmen seit vielen Jahren in der sogenannten ‚Corporate Social Responsibility‘ (CSR) nieder. Angesichts der hohen Erwartungen und des Drucks von außen und von innen tun Unternehmen gut daran, sich dem Thema Nachhaltigkeit noch intensiver zu widmen.“

Diese Entwicklung ist für Thomas Schiffelmann die Alternative zur reinen Spendenwirtschaft und fußt auf dem neuen Wirtschaftsmodell der „Gemeinwohlökonomie“. Dabei handelt es sich um eine veränderte Wirtschaftsordnung, die Aspekte miteinander verbindet, die sich bisher aufgrund des Strebens nach immer stärkerem Wirtschaftswachstum ausgeschlossen haben, so die Annahme: „Die Gemeinwohlökonomie zielt auf ein soziales Miteinander sowie eine ökologische Marktwirtschaft ab“, beschreibt er das Konzept, was er gegenüber dem reinen Kapitalismus favorisiert.

Als gelernter Bankkaufmann und diplomierter Wirtschaftswissenschaftler sieht er zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als einen irreführenden Maßstab für den Wohlstand eines Landes an.

Stattdessen „sollten alle wirtschaftlichen Aktivitäten mitsamt aller sozialen und ökologischen Faktoren berücksichtigt werden.“ Was sehr theoretisch klingt, wird mit Blick auf den Klimawandel heutzutage leider greifbar: Was hat eine Gesellschaft von immer mehr finanziellem Reichtum, wenn dadurch ökologische und infolgedessen auch zusätzliche soziale Notlagen entstehen?

„Die katastrophalen Auswirkungen unseres Konsums muss ich mir als Marketingleiter einer der weltweit größten humanitären Hilfsorganisationen jeden Tag mitansehen. Nicht nur durch Kriege, sondern vermehrt auch durch klimatische Veränderungen leiden und sterben täglich und weltweit Menschen.“

Diese Beobachtung brachte ihn dazu, über Unternehmertum und Gemeinnützigkeit neu nachzudenken und beide auf eine neue Art miteinander zu verbinden.

Von der Theorie zur Praxis

„Ich bekomme derzeit sehr viele Anfragen von kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen, wie eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit gelingen kann,“ beschreibt Thomas Schiffelmann einen Trend, der aus der Wirtschaft selbst kommt.

Dabei geht es nicht nur um einen sorgsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen unseres Planeten, sondern auch um soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Thomas Schiffelmann will nicht einfach eine Verbindung schaffen zwischen gewinnorientierten Unternehmen und gemeinnützigen Hilfsorganisationen, wie es häufig bei einer klassischen Unternehmensspende der Fall ist. Dabei bleiben beide Sphären oftmals voneinander getrennt.

Ein Kohlekonzern kann zwar dafür spenden, dass der Regenwald wieder aufgeforstet wird, doch das berührt die Unternehmenskultur in keiner Weise. Die Kohle wird im Anschluss weiter abgebaut. Die Unternehmen selbst sollten sich laut Thomas Schiffelmann in dem Angebot ihrer Produkte und Dienstleistungen verändern.

Doch gewachsene Strukturen aufzubrechen, ist eine besondere Herausforderung, wie er erläutert: „Wir wissen aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen, dass es schwierig ist, große Unternehmen hin zu mehr Nachhaltigkeit zu verändern. Deshalb kooperieren wir mittlerweile eher mit Start-Ups, die sich von Vornherein ausschließlich gemeinwohlorientiert ausrichten, sprich: in einer Balance zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem.“

Sie gehen über die Idee des „Ehrbaren Kaufmanns“ hinaus, der sich gegenüber der Welt und der Gesellschaft, in der er handelt, sehr verantwortlich fühlt. Auch das Konzept der Corporate Social Responsibility lassen sie oftmals hinter sich und positionieren sich von Beginn an mit nachhaltigen und sozialen Ideen am Markt.

Nachhaltige Mode, von der alle profitieren

So ist es auch bei der jungen Münchner Modemarke „Enzo Escoba“, die vor zwei Jahren eine Unternehmenspartnerschaft mit Handicap International eingegangen ist. Das Label möchte nicht nur durch Spenden den Planeten zu einem besseren Ort machen, sondern hat auch interne Arbeitsabläufe und die Wertschöpfungskette auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohlökonomie ausgerichtet.

So verarbeitet der Gründer Fabio Di Salvo keine Baumwolle, für deren Anbau Pestizide genutzt wurden. Es wird stattdessen ausschließlich Bio-Baumwolle und recycelte Polyester verwendet. Damit möchte das gemeinwohl-orientierte Start-up nur die Ressourcen verwenden, die auf einem natürlichen Weg nachwachsen (Bio-Baumwolle) und die Ressourcen, die bereits im Kreislauf sind (recycelte Polyester). Zudem werden Armbänder regional im Münchner Norden und nur mit zertifiziert nachhaltigen Materialien in Handarbeit hergestellt.

„Vom Rohmaterial bis zum Endprodukt“ sollen alle „an den Erträgen gleichermaßen beteiligt werden“. Diese Selbstdefinition und der eigene Anspruch, den Wert des Gemeinwohls in Arbeitsabläufe und Geschäftsprozesse einfließen zu lassen, ist die neue Ethik, für die Thomas Schiffelmann steht.

Für gemeinnützige Organisationen kann es sich daher lohnen, mit Start-Ups in Kontakt zu treten und sie dabei zu unterstützen, sich mittels ihrer Kompetenzen im Sinne von Nachhaltigkeit und Gemeinwohl aufzustellen.

Kooperationen statt Spenden

Beispiele wie dieses zeigen, dass sich die Welt mitten in einer Transformationsphase befindet. „Nachhaltigkeit“ ist zwar seit Jahrzehnten ein immer wieder genutzter Begriff, doch nur langsam wird sie auch im Alltag greifbar.

Thomas Schiffelmann sieht sich als Impulsgeber und aktiver Mitgestalter, der die verschiedenen Welten von Unternehmen und Zivilgesellschaft noch stärker zusammenbringen und sie zu einem konstruktiven Austausch und zielführenden Kooperationen motivieren möchte.

„Aus meiner Sicht brauchen wir ein Instrument für Unternehmen, die sich den 17 Nachhaltigkeitszielen verpflichtet sehen, mit dem sie partizipativ und dem eigenen Potenzial entsprechend eines neuen Bewusstseins, Maßnahmen und Ideen entwickeln können,“ erklärt er.

Als eine Möglichkeit bieten sich Kooperationen mit Start-Ups an, die sich ebenfalls den Nachhaltigkeitszielen verpflichtet haben. Es wäre für viele gemeinnützige Organisationen zudem ein weiteres finanzielles Standbein, da die Entwicklung des Spendenverhaltens immer unsicherer wird.

Etablieren sich in der Wirtschaft ein neues Selbstverständnis und eine neue Ethik, bietet dies neue Möglichkeiten und große Chancen für unser aller Gemeinwohl.

 

Unser Gesprächspartner:

  • Thomas Schiffelmann, Leiter Marketing von Handicap International, Stifter der Schneesport Stiftung

Quelle: FUNDStücke 2021-4

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