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Blau-Gelbes Kreuz: Zuflucht für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine

Natalie Nothstein, vom deutsch-ukrainischen Verein BLAU-GELBES KREUZ im Gespräch

„Es ist so ruhig hier. Ich höre keine Bomben und keine Sirenen. Ich mag das“, sagte ein ukrainisches Mädchen nach ihrer Flucht nach Köln zu Linda Mai, der Gründerin und Vorsitzenden des deutsch-ukrainischen Vereins BLAU-GELBES KREUZ (BGK). Etliche Millionen Menschen mussten wegen des Kriegs ihre Heimat verlassen und fanden Schutz in Nachbarländern wie Polen, Moldau oder Rumänien – viele aber auch in Deutschland. Wir haben mit Natalie Nothstein vom BGK darüber gesprochen, wie die Geflüchteten ihre Ankunft in Deutschland erleben.

 

„Wir hatten am Sonntag, den 27. Februar, drei Busse an die Grenze geschickt. 43 Leute kamen daraufhin zu uns, darunter hauptsächlich Jugendliche, Kinder, Frauen und eine Katze“, erinnert sich Natalie Nothstein, die ehrenamtliche Pressesprecherin des BLAU-GELBEN KREUZES. „Nachdem alle ein Care-Paket bekommen hatten, war die nächste Frage: ‚Gibt es W-LAN?‘ So konnten sie zu Hause Bescheid geben, dass sie in Sicherheit sind.“

Nach ihrer Ankunft in Deutschland haben Ukrainer:innen 90 Tage Zeit, sich ihre nächsten Schritte zu überlegen. „Sie müssen sich entscheiden, ob sie weiterreisen oder in Deutschland bleiben wollen“, erläutert Natalie Nothstein. „Die meisten wünschen sich natürlich, dass der Krieg schnell endet und sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Mittlerweile ist ihnen aber auch bewusst, dass, selbst wenn Frieden einkehrt, diese Heimat erst wiederaufgebaut werden muss. Und das wird dauern.“

Sie rät: „Die Ukrainer:innen sollten sich auf jeden Fall bei der Stadt registrieren. Dieser Schritt ist wichtig, damit die geflüchteten Familien wiedergefunden werden können.“ Haben sie sich entschieden, ob sie sich als Kriegsgeflüchtete melden oder Asyl beantragen möchten, können sie vom Sozialamt Unterstützung beantragen. „Doch das wollen die meisten von ihnen nicht. Das sind sie nicht gewohnt. Sie wollen lieber arbeiten gehen“, berichtet Natalie Nothstein.

„Aber um in Deutschland arbeiten zu können, brauchen sie einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsvertrag. Mit den Dokumenten müssen sie sich dann bei der Ausländerbehörde melden und können nochmal mit einer Wartezeit rechnen. Die meisten überbrücken die Zeit damit, dass sie Deutsch lernen.“ Nothstein bringt es auf den Punkt: „Die Bürokratie ist selbst für uns Deutsche kompliziert.“ Deswegen steht das BGK den Geflüchteten in Köln bei, organisiert Termine und ist bei den Behördengängen dabei, um zu unterstützen und die Sprachbarriere zu überwinden.

Sachspenden in Umsonstläden

Nicht nur bei der Bürokratie reicht das BGK seine helfende Hand, sondern auch beim Eröffnen von Bankkonten, bei Arztterminen oder der Vermittlung von Unterbringungen, seien es Sammelunterkünfte der Stadt Köln oder Gastfamilien. „Wenn die Menschen in Köln ankommen, bekommen sie von uns erstmal eine kostenlose SIM-Karte“, ergänzt Natalie Nothstein.

„Die Telekom stellt allen ukrainischen Geflüchteten eine zur Verfügung, auch in deren Shops. Das löst auch das große Problem der Sprachbarriere. Im ersten Bus, der bei uns ankam, konnten nur eine Frau und eine Jugendliche Englisch sprechen. Mit der SIM-Karte in ihren Smartphones konnten sie den Google-Übersetzer nutzen – das hilft enorm.“

Auch die Bereitstellung von Sachspenden ist wichtig für die Geflüchteten. „Gerade der Bedarf nach Kleidung ist enorm hoch. Deswegen haben wir Mitte März gemeinsam mit dem Bürgerzentrum Ehrenfeld den ersten Umsonstladen eröffnet. Der Andrang ist immer noch sehr groß, deswegen steht sogar zur Diskussion, den Umsonstladen auf die anderen Kölner Bürgerzentren auszuweiten.

Wir vom BGK statten diese Läden dann mit gespendeter Kleidung und Schuhen, aber auch mit Windeln und Babynahrung aus.“ Für Mütter und Neugeborene liefert das BGK außerdem sogenannte Babyboxen in die Ukraine. „Eine Babybox besteht aus sechs verschiedenen kleineren Boxen für je 92 Euro. Darin sind verschiedene Produkte wie Kleidung, Nahrung und Hygieneartikel für das Neugeborene und die Mutter. Wir sammeln diese Babyboxen hier und liefern sie dann in die Ukraine, wo unsere Partner sie in den Kliniken verteilen.“

Willkommensheft für Ukrainer

Das BGK sorgt auch für immaterielle Hilfe. „Wir haben die Freizeitplattform ‚Free Smile‘ aufgebaut. Dort können Unternehmen oder Organisationen kostenlose Freizeitangebote für ukrainische Minderjährige anbieten“, berichtet Nothstein. So können sich die Ukrainer:innen miteinander vernetzen. „Da die meisten von ihnen in Sammelunterkünften untergebracht sind, tauschen sie in der Regel schon dort ihre Kontaktdaten aus“, sagt sie. „Oft machen sie das sogar schon auf der Flucht. Natürlich helfen wir ihnen aber auch dabei, indem wir Ausflüge oder Events organisieren. Anfang April waren wir zum Beispiel mit 400 Geflüchteten im Phantasialand. So versuchen wir, Ablenkung und Freude zu schenken.“

Mittlerweile gibt es vom BGK sogar ein „Willkommen in Köln“-Heft auf Ukrainisch. „Als Linda Mai und ich beim Podcast vom Kölner Stadtanzeiger eingeladen waren, erkundigte sich die stellvertretende Chefredakteurin Sarah Brasack, wie sie uns noch helfen könne. Da fragte ich, ob es eine Möglichkeit gäbe, ein Magazin oder ein Heft auf Ukrainisch zu drucken. Sie fand die Idee super und der Anruf mit der Bestätigung kam dann auch ziemlich flott. So haben wir das Magazin innerhalb von drei Tagen gestaltet, übersetzt und veröffentlicht“, erzählt Natalie Nothstein stolz.

Im Magazin finden Ukrainer:innen einen Willkommensgruß von Linda Mai, Informationen dazu, was man tun muss, wenn man als Kriegsgeflüchtete:r nach Deutschland kommt, ein Deutsch-Ukrainisch-Wörterbuch, einen Stadt- sowie KVB-Netzplan (denn alle Geflüchteten können umsonst fahren) und Tipps zu günstigem Einkaufen, Ausflugszielen und Sehenswürdigkeiten. Mittlerweile ist das Magazin schon in der dritten Auflage und es steht kostenlos am Kölner Hauptbahnhof, an der Anlaufstelle des BGK und in den verschiedenen Unterkünften und Partnern wie dem Bürgerzentrum Ehrenfeld zur Verfügung – als treuer Wegweiser für ukrainische Geflüchtete.

Ukrainer:innen in Deutschland

„Gemeinsam kann man noch viel mehr erreichen“, findet Natalie Nothstein und ergänzt, dass auch gemeinnützige Organisationen mit einem anderen Satzungszweck ihre Arbeit für Ukrainer:innen umgestalten können und sollten – das ist nämlich seit dem Katastrophenhilfe-Erlass des Bundesfinanzministeriums vom 17. März 2022 bis zum 31. Dezember 2022 erlaubt. „Zum Beispiel könnten Organisationen Basteltage veranstalten und ukrainische Kinder einladen oder sich um Senior:innen kümmern“, schlägt Nothstein vor.

„Außerdem denke ich, dass jede Organisation helfen kann, indem sie bei der lokalen Ukrainehilfe nachfragt, was gebraucht wird und das dann bereitstellt. Wir vom BGK haben auf unserer Website immer aktuelle Bedarfslisten.“

Auch Privatpersonen, die helfen wollen, können sich an solchen Bedarfslisten orientieren, Sammelaktionen für Sach- oder Geldspenden starten oder sich ehrenamtlich engagieren, indem sie zum Beispiel an Essenausgaben arbeiten oder Deutschunterricht geben. „Ehrenamt ist Ehrensache und da gibt es für jeden etwas Passendes“, betont Natalie Nothstein. Von eigenständigen Sachspendentransporten rät sie jedoch dringend ab. An den Grenzen herrsche einfach zu viel Chaos. „Deswegen ist es immer eine gute Idee, eine lokale Organisation zu unterstützen und nicht mit Eigeninitiative für noch mehr Chaos zu sorgen. Das ist die schlauere Entscheidung und meistens auch die größere Hilfe.“

Auch bei Kundgebungen und Demonstrationen können Deutsche Solidarität zeigen und Beistand leisten. „Zu unseren Kundgebungen kommen auch viele Ukrainer:innen. Sie basteln und malen Plakate und bedanken sich immer wieder aufs Neue bei uns, dass wir ihnen helfen“, bestätigt Nothstein, dass auch diese Art der Unterstützung den Geflüchteten hilft. Sie fasst zusammen: „Alle wünschen sich den Frieden und jede Stimme zählt.“

Gastfreundschaft für Geflüchtete

Generell war und ist die Solidarität in Deutschland groß. „Vor allem am Anfang war die Spendenbereitschaft unglaublich“, freut sich Natalie Nothstein. „Wir hatten den wohl ersten positiven Stau, aber dank der vielen Ehrenamtlichen konnten wir es regeln. Wir haben täglich einen oder zwei LKW in die Ukraine geschickt – vollgepackt bis obenhin. Es war ein phänomenales Tetris: in eine Lücke eine Matratze, in eine andere einen Schlafsack.“

Auch die Bereitschaft, Ukrainer:innen bei sich zu Hause aufzunehmen, war groß. „Die Gastgeberinnen und Gastgeber empfinden die ukrainischen Gäste als sehr bereichernd und freuen sich über den Familienzuwachs und die neuen Freundschaften. Gleichzeitig sind die Ukrainer:innen von ganzem Herzen dankbar, dass sie so freundlich aufgenommen werden.“ Natalie Nothstein fällt dazu noch eine Geschichte ein: „Eine Frau kam mit ihrer vierjährigen Tochter in Köln bei einer Familie an. Die Kleine musste ihre Katze in der Ukraine lassen und war sehr traurig darüber. Aber wie es das Schicksal so wollte, hatte die deutsche Familie eine Katze und das Mädchen war überglücklich.“

Quelle: FUNDStücke

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