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Soziales Engagement im Wandel: Die Fusion von Spende und Investition

Investition oder Spende?

Eine Sache der Teilhabe und der Wirkung

Wer spendet, investiert sein Geld in eine Sache, die ihm persönlich am Herzen liegt. Den Begriff Investition jedoch ordnet man oft instinktiv dem Business-Sektor zu. Kann man Spende und Investition überhaupt voneinander abgrenzen? Ist Investition vielleicht nur eine andere Formulierung für Großspende? Und welche Auswirkungen hat der Investitionsgedanke auf die Umsetzung gemeinnütziger Ziele?

Hugo W. Pettendrup ist Geschäftsführer bei HP-FundConsult. Sein Unternehmen berät sowohl Organisationen aus dem Non-Profit-Bereich bei ihrer Mittelbeschaffung als auch Privatpersonen und Unternehmen, die sich gesellschaftlich engagieren möchten.

So sammelt er seit vielen Jahren Erfahrungen mit Großspenden, Fundraising, Investments und vor allem der Philosophie dahinter. Für ihn ist klar: „Die Grenze zwischen Investition und Spende, zwischen Markt und Drittem Sektor sowie zwischen Renditeerwartung und Altruismus ist immer schwieriger zu definieren.“

Er kennt aber Merkmale, die sie charakterisieren: „Spenden dienen der Verwirklichung einer Vision und geben dem Spendenziel sowie den an der Umsetzung Beteiligten einen gewissen Spielraum. Ein Investment hat eine klare zeitliche Linie und definierte Erwartungen.“

Marcus Küster betreut bei der Privatbank Bankhaus Lampe vermögende Menschen im Bereich Stiftungsberatung. Er beschreibt eine Gemeinsamkeit: „Jeder Mensch verbindet mit dem Hingeben von Geld eine Erwartungshaltung. Anders als bei einer Kapitalanlage, die einem Investor oder einer Investorin eine monetäre Rendite bringen sollte, bedeutet Rendite für spendende Personen eine effektive Wirkung ihres Geldes für den guten Zweck.“

Dabei sieht er Sozialunternehmer:innen und unternehmerisch denkende Großspender:innen als „Brückenköpfe, die die Grenze zwischen Spende und Investition aufweichen in Richtung wirkungsorientiertes Investieren. Der Anspruch der gebenden Person auf Transparenz, Wirkung und Teilhabe ist fast schon selbstverständlich geworden.“

Der Kern einer Spende und einer Investition ist also der gleiche, die Umsetzung kann allerdings auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen. Pettendrup sieht einen entscheidenden Unterschied: „Investitionen mobilisieren Kapital, das Spenden nicht generieren können.“

Teilhabe als Selbstverständlichkeit

Viele Spender:innen geben ihr Geld an Organisationen, denen sie vertrauen, dass sie die Mittel professionell und sinnvoll einsetzen. „Die moderne Philanthropie will globale Probleme mit unternehmerischen Methoden lösen“, beschreibt Pettendrup einen anderen Ansatz der Förderung gemeinnütziger Ziele.

„Wenig Steuern, dafür viel Wohltat. Mit diesem Credo prägen amerikanische Milliardäre und Milliardärinnen schon länger eine neue Spendenkultur, die sie zur fünften Macht im Staat werden lassen, mutmaßt die ZEIT.

Sinnbild dieser Entwicklung sind Impact-Investoren, die einem moralischen Mandat folgen, aber auf einen Gewinn nicht verzichten wollen.

Gemein ist dieser neuen Generation von Philanthropinnen, Crowdfundern und Impact-Investoren der Blick auf die direkte Wirkung, den Effekt ihrer finanziellen Beteiligung.“ Diesen Wunsch nach einer nachhaltigen Wirkung hält Marcus Küster für legitim, ja selbstverständlich.

„Andernfalls würden wir über eine Art Ablasshandel sprechen, weil es bedeuten würde, dass es der spendenden Person egal ist, wie mit ihrem Geld konkret umgegangen wird, solange sie für sich die gute Tat der Spende emotional verbuchen kann.“

Insgesamt birgt der Wunsch vermögender Menschen nach Teilhabe an gemeinnützigen Projekten ein großes Potenzial für alle Seiten. Gemeinsam lassen sich stringent gemeinnützige Ziele wirkungsvoller umzusetzen.

„Für Spenden sammelnde Organisationen ergeben sich daraus Chancen, wenn es ihnen gelingt, die längerfristige Wirksamkeit der individuellen Spende zu verdeutlichen. Es ist daher für jede NGO sinnvoll, valide und gut prüfbare Indikatoren der eigenen Arbeit zu definieren, anhand derer die Wirksamkeit des Engagements abgelesen werden kann – auch über ein einzelnes Berichtsjahr hinaus“, erläutert Marcus Küster.

„Allerdings engt es den Spielraum und die natürlichen Wachstumsmöglichkeiten durch organisationale Diversität enorm ein“, gibt Pettendrup zu bedenken. „Es bedeutet zudem, dass der Spender oder die Spenderin sehr viel mehr Gedanken und Ressourcen einsetzen muss, bis er oder sie starten kann.

Unternehmer:innen beziehungsweise Großspender:innen wollen selbst entscheiden, wo ihre Wohltat wirken soll und möglichst schnell Fakten schaffen.“

Die entscheidende Rolle der Vermittlung

Marcus Küster berät in seinem Beruf vermögende Menschen, die mit ihrem Geld für sie persönlich wichtige Themen fördern möchten.

„Der größte gemeinsame Nenner unserer Kundinnen und Kunden ist sicherlich das philanthropische Potenzial, wie ich es nenne, dass jeder Mensch in seiner Brust mit sich trägt“, beschreibt er die Motivation der Menschen, mit denen er arbeitet.

„Einige haben eine abstrakte Vorstellung von der Umsetzung ihrer Herzensangelegenheit, kennen aber die dafür verfügbaren Werkzeuge nicht. Wir unterhalten uns immer sehr ausführlich mit unseren Kundinnen und Kunden über ihre Historie, ihr Jetzt und über ihre Pläne für die Zukunft.

Dabei können wir aktiv unterstützen. Je nach Motivation, Persönlichkeit oder familiärem Hintergrund kann es dann zu einer Stiftungsgründung, einer Treuhandstiftung, einer Anstiftung, einer Großspende, einer Kooperation oder einem Sponsoring kommen.“

Oft gibt es unterschiedliche Sprachen bei der Umsetzung von gemeinnützigen Projekten. Eine „fachmännische Moderation“ kann daher bei der Verbindung von privatem oder unternehmerischem Vermögen und dem gemeinnützigen Projekt entscheidend sein.

Brücke zwischen Profit und Non-Profit“ lautet der Slogan von HP-FundConsult – klingt simpel, die Realität ist jedoch komplex. „Wir vermitteln zwischen unterschiedlichen Systemen, dafür steht bei uns die Brückenmetapher“, erläutert Hugo W. Pettendrup.

„In den unterschiedlichen Bereichen von Gesellschaften finden sich teils sehr unterschiedliche Mindsets, Prämissen, Strukturen, Sprachen und Erwartungen. Diese bringen kommunikative, rechtlich-wirtschaftliche und philosophische Hindernisse mit sich, bevor es zur Entfaltung der Synergien kommen kann. Bei HP-FundConsult verantworten wir mit unserem unternehmerischen Engagement, dass diese Hindernisse geplante Projekte nicht zu Fall bringen.“

Auch Banken können bei diesem Prozess eine wichtige Rolle einnehmen. „Wir sind als Trusted Advisor und Relationship Manager Netzwerker im besten Sinne des Wortes“, erläutert Marcus Lampe seine Aufgaben.

„Ich kann daher NGOs nur ermutigen, ihre Bankpartner nicht nur als Kapitalsammelstelle und Vermögensverwalter zu nutzen, sondern sie aktiv in ihren strategischen Planungsprozess einzubinden, um Synergien zu heben, Kontakte zu knüpfen und nachhaltig zu bestehen.“

Die AFOS-Stiftung für Unternehmerische Entwicklungszusammenarbeit wirkt auf eine weitere Art und Weise als Vermittlerin. Sie vermittelt in Entwicklungs- und Schwellenländern zwischen Kleinunternehmen und Mittelstand sowie Mikrofinanzbanken, Unternehmensverbänden, Genossenschaften oder Bildungszentren.

„Dabei entscheiden wir nach den Richtlinien des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, welches Projekt gefördert wird“, berichtet Geschäftsführer Norbert Weiss.

„Durch Evaluierung und von Projektvorschlägen unserer Partner vor Ort stellen wir fest, welche Kapazitäten vorhanden sind oder aufgebaut werden müssen, um einen Impact zu erzielen und wo konkrete Bedarfe liegen.“ Basierend auf dieser Ausgangslage ermittelt die AFOS-Stiftung passende Kooperationspartner.

„Vor allem im Bereich Berufsbildung und Beschäftigung beziehungsweise Verhinderung von Arbeitslosigkeit durch entsprechende Qualifikation und bei der Zusammenarbeit mit Kammern haben wir gute Erfolge erzielen können.“

Wenige bestimmen. Ist das fair?

Wenn Menschen mit viel Geld eben dieses in ausgewählte Projekte investieren oder diese selbst initiieren, wirft das auch kritische Fragen auf. Menschen wie Bill Gates beeinflussen mit ihren Spenden maßgeblich die Entwicklung des Bildungs- oder Forschungsstands ganzer Länder, indem sie beispielsweise darüber entscheiden, welcher Krankheit sich die Wissenschaft zuerst widmen kann und in welchem Umfang.

Ist es fair, dass einzelne Personen „entscheiden“, welches globale oder lokale Problem gelöst werden kann? Für Norbert Weiss sollte unbedingt „eine Störung von Kultur, Historie und Unabhängigkeit vermieden werden. Bei gravierenden Eingriffen gilt es, sorgfältig abzuwägen und sich dabei nicht auf den Zufluss von Finanzmitteln, sondern auf die Konsequenzen zu fokussieren.“

Hugo W. Pettendrup wirft dazu ein: „Reiche Menschen wie Bill und Melinda Gates hindern niemanden daran, für sich selbst andere Prioritäten zu setzen.

Dass erfolgreiche Menschen mit tollen Ideen für ihr eigenes Konto eine eigene Agenda bestimmen, gebietet die Privatautonomie, die jeder Rechtsstaat garantiert.

Jedem von uns steht es offen, Geld zu verdienen und damit Ziele zu verfolgen, die ihm oder ihr wichtig sind.“

Im „Kleinen“ beobachtet Pettendrup dieses Phänomen auch beim Crowdfunding. „Da fördern Menschen Projekte und Ideen, die sie durch ihre finanzielle Zuwendung verwirklicht sehen wollen und denen oft der Zugang zu klassischen Finanzierungsformen verwehrt bleibt. Anreiz schafft dabei die soziale Rendite, nicht der finanzielle Profit.“

Die Superreichen handeln also nicht anders, als jede:r andere Gebende auch – mit dem Unterschied, dass ihre Spenden einen deutlich größeren Impact haben. Denn viel Geld bewirkt enorme Fortschritte.

„Zweifelsohne sind die sogenannten Megaspenderinnen und -spender Machtfaktoren, die Themen schneller bewegen und starke Lobbyarbeit leisten können. Ich wünsche mir in diesem Zusammenhang einen ,Ethikkodex‘, um das gesellschaftliche Wirken des ,großen Geldes‘ und des dritten Sektors im Allgemeinen nicht auseinanderdriften zu lassen“, äußert Marcus Küster seine Idee für eine Weiterentwicklung in diesem Bereich.

Bei der Frage, ob Institutionen überproportional große Gaben aus Unabhängigkeitsgründen ablehnen sollten, vertritt er allerdings folgenden Standpunkt: „Es gibt auf diesem Planeten genug Probleme, die gelöst werden müssen. Daher sollte man sich immer fragen, ob das Beharren auf der eigenen Unabhängigkeit der Wirkung schadet oder nutzt.“

Insgesamt appelliert Hugo W. Pettendrup an die gesellschaftliche Verantwortung, die jeder Einzelne trägt: „Demokratietheoretisch könnte man meinen, dass einzelne Menschen durch ihre Großspenden oder Investitionen großen Einfluss gewinnen, der nicht durch Wahlen, sondern durch private wirtschaftliche Erfolge entsteht.

Allerdings führen Effekte wie Wahlkampfinanzierung zu ähnlich paradoxen Gedanken, die ebenso Realität sind. An unserer ethischen, gesellschaftlichen Verantwortung führt also nie ein Weg vorbei, ganz gleich womit wir uns gerade befassen.

In Deutschland beobachten wir viele positive Effekte, die der öffentliche Sektor so nie realisieren könnte und die Ausdruck innovativer gesellschaftlicher Motivation sind.“

Alle sind gefragt

Insgesamt ist der Einsatz von Menschen, die mit ihrem Vermögen oder mit ihrem Engagement ihre persönlichen Ziele unterstützen, für Staat und Politik unverzichtbar.

Dennoch „gängeln“ öffentliche Verwaltung und Politik häufig zivilgesellschaftliche Vorhaben, findet Hugo W. Pettendrup.

Für ihn ist das ein Zeichen mangelnden Vertrauens in die Bürger:innen als zentrale Akteur:innen einer Demokratie: „In den USA sehen wir gerade, wie innovativ und zukunftsgewandt private Wissenschaft ist, auch im Zusammenspiel mit staatlichen Behörden. Die Agilität und die vitale Motivation, die Großtuende sowie Investoren und Investorinnen an den Tag legen, ist die Triebfeder vieler grundlegender Menschheitsinnovationen gewesen.“

Aus seiner Sicht ruhen die Deutschen diesbezüglich in einer Phase „großer Staatsgläubigkeit“, statt selbst das Ruder zu übernehmen.

„Verwaltung, Verteilungsschlüssel und Gremien sind sicherlich unabdingbare Mechanismen zum treuhänderischen fairen Umgang mit öffentlichen Mitteln. Wir sollten aber der Zivilgesellschaft deshalb keine Fesseln anlegen bei ihrem Streben nach Zielen und Fortschritt.“

Denn ohne die Beteiligung von Zivilgesellschaft und Markt sind viele Ziele allein für den öffentlichen Sektor nicht umsetzbar.

Als Beispiel nennt Hugo W. Pettendrup die internationale Nachhaltigkeitsagenda: „Diese erfordert Investitionen im zweistelligen Billionenbereich. Ganze Finanzflüsse müssen in Richtung emissionsarmer Technologien umgelenkt werden. So sieht es der Pariser Klimabeschluss vor. Öffentliche Kassen können nur einen kleinen Teil stemmen.

Investitionen oder Spenden? Aus meiner Sicht braucht es beides. Spenden ist weder Gegensatz noch Alternative zum (ethischen) Investment.“

Viel wichtiger ist, dass es viele tun.

 

Unsere Gesprächspartner

  • Marcus Küster, Leiter Philanthropie- und Stiftungsberatung Bankhaus Lampe
  • Hugo W. Pettendrup, Geschäftsführer HP-FundConsult
  • Norbert Weiss, Geschäftsführer AFOS-Stiftung für Unternehmerische Entwicklungszusammenarbeit

Quelle: FUNDStücke

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