Stabilität auf der Oberfläche – Bewegung darunter
Der aktuelle Deutsche Spendenmonitor 2025 (DFRV / DZI) zeigt ein scheinbar stabiles Bild: Die Spenden in Deutschland bleiben insgesamt auf hohem Niveau. Gleichzeitig sinkt jedoch die Anzahl der spendenden Personen leicht auf rund 49 % der Bevölkerung.
Parallel dazu steigt die durchschnittliche Spendenhöhe pro Person deutlich.
Diese Kombination ist entscheidend: Nicht weniger Engagement insgesamt – aber weniger, dafür intensiver eingebundene Unterstützer:innen. Das bedeutet in der Praxis: Die Basis wird tendenziell schmaler, während die Bindung einzelner Akteur:innen stärker wird.
Eine stille Verschiebung im Spenderverhalten
Mehrere Studien deuten darauf hin, dass sich Spendenverhalten zunehmend in Richtung regelmäßiger Unterstützung entwickelt. Die Digitalisierung spielt dabei eine zentrale Rolle: Spendenprozesse werden einfacher, wiederholbarer und stärker in den Alltag integrierbar.
Damit verschiebt sich auch die Erwartungshaltung:
● weg von einmaligen Anlässen
● hin zu kontinuierlicher Unterstützung
● hin zu niedrigschwelligen, dauerhaften Beziehungen
Diese Entwicklung ist nicht laut oder abrupt. Sie entsteht schrittweise – oft ohne dass Organisationen ihre eigenen Strukturen entsprechend anpassen. Das führt zu einer wichtigen strategischen Frage: Ist Fundraising heute eher ein Akquise- oder ein Bindungssystem?
Konsequenz: Beziehung wird wichtiger als Kampagne
Wenn Spenden stärker durch wiederkehrende Muster geprägt sind, verändert sich die Logik im Fundraising. Kampagnen bleiben relevant – aber sie verlieren ihren Status als primärer Steuerungsmechanismus. Stattdessen rückt ein anderer Faktor in den Mittelpunkt: die Beziehung zwischen Organisation und Unterstützenden.
Der Deutsche Spendenrat beschreibt in seiner „Bilanz des Helfens 2025″ ebenfalls eine Verschiebung: weniger Spendende, aber höhere Einzelbeträge und zunehmende Konzentration auf engagierte Gruppen.
Die strukturelle Frage: Konzentration statt Breite?
Eine der zentralen Entwicklungen, die sich aus den Daten ableiten lässt, ist die mögliche Konzentration der Spendenbasis. Wenn weniger Menschen spenden, diese aber stärker beitragen, entstehen neue Abhängigkeiten:
● stärkere Bedeutung einzelner Unterstützer:innengruppen
● höhere Relevanz von langfristiger Bindung
● zunehmende Bedeutung von Vertrauen und Wiedererkennbarkeit
Das DZI beschreibt in seiner Spendenstatistik insgesamt ein weiterhin stabiles Spendenvolumen von rund 12,5 Mrd. Euro in Deutschland, bei gleichzeitig leicht rückläufiger Spenderquote. Das System bleibt also stabil – aber die Verteilung verändert sich.
Unterschiedliche Ausgangslagen – unterschiedliche Konsequenzen
Diese Entwicklung betrifft Organisationen nicht gleich.
Für kleine und mittlere NGOs kann sie eine Herausforderung sein:
● weniger spontane Reichweite
● stärkere Abhängigkeit von wiederkehrenden Unterstützer:innen
● höhere Anforderungen an Kommunikation und Beziehungspflege
Für größere Organisationen ergeben sich andere Dynamiken:
● Skalenvorteile in Kommunikation und Daten
● stärkere Markenbindung
● effizientere Reaktivierung bestehender Unterstützer:innen
Das bedeutet nicht, dass das System „ungerechter“ wird, aber dass Ausgangslagen stärker darüber entscheiden, wie gut Organisationen sich in diesem Umfeld bewegen können.
Genau hier liegt eine der praktischen Herausforderungen: Viele Organisationen wissen, dass sich etwas verändert – aber nicht präzise genug, welche ihrer Maßnahmen noch rentabel sind, wo Potenziale brach liegen und wie sie ihr Budget 2027 gezielter einsetzen können. Bestandsdaten zeigen oft: Einzelne Maßnahmen kosten mehr, als sie einbringen. Gleichzeitig bleiben Marktpotenziale ungenutzt, weil sie nicht sichtbar sind.
Eine mögliche neue Leitfrage im Fundraising
Wenn man die aktuellen Entwicklungen zusammennimmt, entsteht eine verschobene Leitfrage:
Nicht mehr nur: Wie gewinnen wir neue Spender:innen?
Sondern zunehmend: Wie entwickeln wir stabile, langfristige Unterstützungsbeziehungen?
Oder anders formuliert: Wie viel unserer Fundraising-Struktur ist noch auf die Realität der nächsten Jahre ausgerichtet?
Fazit: Leiser Wandel – klarer Handlungsbedarf
Die Daten zeigen keine Krise des Fundraisings. Sie zeigen eine schrittweise Verschiebung:
● stabile Gesamtsummen
● leicht sinkende Spender:innenbasis
● steigende Bedeutung wiederkehrender Unterstützung
● stärkere Konzentration auf engagierte Gruppen
Für Organisationen bedeutet das vor allem eines: Nicht alles neu denken – aber einige Grundlagen bewusst überprüfen. Denn möglicherweise verändert sich Fundraising nicht radikal. Sondern strukturell – und damit leiser, als viele erwarten.
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